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Di 19.12.17 Hallen- und Jugendtraining

Heiliges Auerhuhn

Die Schweizer Orientierungsläufer sind erstmals bereit, für den Zutritt zu Waldgebieten zu bezahlen. Dafür verzichten Naturschützer auf Einsprachen gegen OL-Wettkämpfe. Es war ein Befreiungsschlag nach endlosen Verhandlungen mit den Naturschützern: Um in vier Juragebieten Wettkämpfe durchführen zu können, bezahlt der Neuenburger OL-Verband Geld für Naturschutzmassnahmen des Kantons. Zum ersten Mal in der Schweiz werden Orientierungsläufer auf diese Art zur Kasse gebeten.

AuerhuhnFür die Sportler sind die vier Gebiete im Neuenburger Jura von besonderem Wert: Die Karstlandschaft mit den vielen Dolinen eignet sich hervorragend für den Sport mit Karte und Kompass. Noch in den achtziger Jahren fanden hier regelmässig OL-Wettkämpfe statt. Doch dann war bald Schluss – zu gross war die Gegenwehr der Naturschützer. Sie erachten Orientierungsläufe, bei denen die Wettkämpfer die Wege verlassen, in den vier Gebieten als unakzeptable Belastung für die Natur.

Freizeitaktivitäten bedrohen die Vögel

Grund dafür ist vor allem das vom Aussterben bedrohte Auerhuhn. In der Schweiz gibt es insgesamt schätzungsweise noch 500 Exemplare dieser Vogelart, ein Teil der Tiere lebt im Neuenburger Jura. Bei ihrem Kampf gegen die Orientierungsläufe stützen sich die Naturschutzorganisationen Pro Natura, Schweizer Vogelschutz und WWF etwa auf den «Aktionsplan Auerhuhn» des Bundes, der Störungen durch Freizeitaktivitäten als Problem für die bedrohten Vögel bezeichnet. Problematisch seien vor allem Störungen im Winter und während der Fortpflanzungszeit, also im Frühling, heisst es im Aktionsplan.

Allerdings: Die Orientierungsläufer wollen aus Rücksicht auf die Natur gar keine Wettkämpfe im Winter und Frühling durchführen. Es geht um einzelne Anlässe in den Monaten August bis November, im Abstand von mehreren Jahren. An OL-Wettkämpfen ist es ausserdem üblich, besonders sensible Gebiete zu sperren. Allgemein sind die Schweizer Orientierungsläufer für ihre Kompromissbereitschaft bekannt. Sie gelten weitherum als Vorbilder, was ihre Rücksichtnahme auf Tiere und Pflanzen angeht.

Wirkungsvolle Beschwerde

Doch den Naturschützern genügten die von den OL-Läufern angebotenen Kompromisse nicht. Sie drohten mit Beschwerden gegen die Bewilligung von Wettkämpfen durch den Kanton Neuenburg. Beschwerden sind ein wirkungsvolles Instrument: Selbst wenn diese am Ende abgewiesen werden, können sie Orientierungsläufe verhindern. Denn bis zum Entscheid der Behörden ist es meist zu spät, die Organisation eines Wettkampfes noch rechtzeitig in Angriff zu nehmen.

Unter diesem Druck waren die OL-Läufer bereit zu bezahlen – zumal die Naturschützer in Aussicht stellten, im Gegenzug auf die Beschwerden zu verzichten. An der OL-Seniorenweltmeisterschaft im nächsten Jahr, die eine Woche dauert und teilweise durch die Neuenburger Waldgebiete führt, ziehen die Organisatoren nun zehn Franken pro Teilnehmer ein. Bei weiteren eintägigen Veranstaltungen in den nächsten zehn Jahren sind es zwei Franken. Das Geld, schätzungsweise bis zu 50 000 Franken, fliesst in einen kantonalen Fonds. Mit diesem werden Massnahmen der Waldbewirtschaftung finanziert, die dem Überleben bedrohter Vogelarten helfen.

Der OL-Dachverband Swiss Orienteering steht den Zahlungen zugegebenermassen «skeptisch» gegenüber. Trotzdem verteidigt er die Einigung: Es handle sich um eine «spezielle Lösung für diese spezielle Situation». Um sogleich nachzuschieben, dass man die Zahlungen weder als Erkaufen von Betretungsrechten noch als Schweigegeld und schon gar nicht als Ablasszahlung verstanden haben will.

Eintrittsbillett für den Wald

Doch genau diese Begriffe sind zutreffend: Erachtet man Orientierungsläufe in den vier Gebieten als Gefährdung der bedrohten Vögel, sind die Zahlungen eine Wiedergutmachung für begangene Sünden – also Ablasszahlungen. Bestreitet man hingegen die Gefährdung, müsste man konsequenterweise die Zahlungen ablehnen. Die Neuenburger OL-Läufer akzeptieren sie aber, weil sie – zermürbt von jahrelangen Verhandlungen – sich so das Stillhalten der Naturschutzorganisationen erkaufen. Also eine Zutrittsgebühr zum Wald.

Das Einlenken der OL-Läufer ist nachvollziehbar: Die in Neuenburg getroffene Einigung bringt ihnen vorläufig eine erhebliche Erleichterung. In den nächsten zehn Jahren können sie – unter strengen Auflagen allerdings – ihren Sport in den vier Neuenburger Waldgebieten einigermassen ungestört ausüben. Ansonsten hätten aufreibende Auseinandersetzungen mit Naturschützern und ein endloser bürokratischer Kampf um Bewilligungen gedroht.

Trotzdem sind die Zahlungen ein gefährlicher Präzedenzfall: Finanzielle Abgeltungen könnten im OL-Sport bald zur Regel werden. Auch in anderen Waldgebieten der Schweiz lassen sich bedrohte Pflanzen und gefährdete Tierarten finden, für deren Förderung zusätzliche Mittel wünschbar sind. Da jede sportliche Betätigung in der Natur diese ein Stück weit belastet, ist es einfach, diesen Sport als Bedrohung von Tieren und Pflanzen hinzustellen. Neben den Orientierungsläufern könnten so bald auch Kletterer, Mountainbiker, Läufer und Wanderer zur Kasse gebeten werden.

Alex Reichmuth, Weltwoche 26/09