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Di 19.12.17 Hallen- und Jugendtraining

Kampf um den Wald

Die Schweiz gehört im Orientierungslauf zu den weltbesten Nationen. Der Erfolg ist gefährdet. Naturschützer, Jäger und übereifrige Behörden legen dieser Sportart immer mehr Hindernisse in den Weg.

Letzte Woche an den Weltmeisterschaften im französischen Savoyen holten die Schweizer Orientierungsläufer einmal Gold und zweimal Bronze. Auch ohne die 17-fache Weltmeisterin Simone Niggli (Schwangerschaft) bestätigte die Schweiz damit ihre Spitzenposition im OL. Trotz dieser Erfolge plagen die Läufer Sorgen. «Woher sollen die zukünftigen Schweizer Weltmeister kommen?», fragt sich Ruedi Lais mit Blick auf die zunehmenden Einschränkungen und Verbote, die seiner Sportart auferlegt werden. Besonders Bauchweh macht dem Zürcher Kantonsrat (SP) und aktiven Orientierungsläufer der neue Waldentwicklungsplan, mit dem 22 Prozent der Waldfläche im Kanton Zürich als Wildlebensräume ausgeschieden werden. «Es sollen keine Anlässe in wenig begangenen Wildlebensräumen stattfinden», steht im Massnahmenblatt zu diesen Gebieten. Zwar sind für OL «Ausnahmen» möglich – aber das beruhigt die Sportler ebenso wenig wie die Beteuerungen der Kantonsregierung, an der Bewilligungspraxis ändere sich nichts. Sie befürchten, dass Naturschützer, Jäger und Gemeindebehörden ihre Wettkämpfe mit Karte und Kompass willkürlich verhindern können, wenn diese nur noch ausnahmsweise zugelassen sind.

Der nationale Verband Swiss Orienteering schätzt, dass mit dem neuen Waldentwicklungsplan jeder zweite OL im Kanton Zürich nicht mehr stattfinden kann. Dass solche Befürchtungen real sind, zeigt das zähe Ringen der OL-Läufer für einen Anlass 2012 im Altstetterwald nahe Zürich. Trotz langwieriger Verhandlungen hat bisher erst eine der vier Standortgemeinden ihr Einverständnis gegeben. Der bürokratische Aufwand stelle weitere Wettkämpfe in Frage, sagen die ehrenamtlichen Organisatoren.

In der Region Basel gibt es ähnliche Probleme. Letztes Jahr verbot eine Gemeinde einen OL- Anlass bei Basel, offenbar auf Druck der örtlichen Jagdgesellschaft. Das Verbot kam für die Organisatoren überraschend: Ähnliche An lässe waren zuvor immer gutgeheissen worden, und auch diesmal hatten sie den Wettkampf mit den Behörden abgesprochen. Zwar waren die OL-Läufer überzeugt, dass das Verbot rechtlich unhaltbar ist. Aber die juristische Auseinandersetzung, die sich abzeichnete, wäre bis zum Lauftag nicht beendet gewesen – also mussten sie alles absagen. Schwierigkeiten gibt es auch bei einem OL-Anlass 2012 im Oberbaselbiet. Dort verhindern Jäger, Naturschützer und Gemeindebehörden bislang die Bewilligung. Liegt nicht bald ein positiver Bescheid vor, findet auch dieser Lauf nicht statt.

Auch im Kanton St. Gallen fürchten die OL-Läufer um ihre Sportart. Es werde immer mühsamer, Bewilligungen zu bekommen, sagt Mario Ammann, der die OL-Anlässe im Kanton koordiniert. «Zwar beteuern die Behörden, die OL-Sportler seien gut organisiert und es gebe keine Probleme. Doch bei Widerstand gewichten sie unsere Interessen nicht gleich hoch wie die der Gegner.» So werde die Organisation jedes OL-Anlasses zu einem bürokratischen Hindernislauf mit ungewissem Ausgang. Raphael Lüchinger vom Kantonsforstamt St. Gallen, das für OL-Bewilligungen zuständig ist, weist die Vorwürfe zurück. Die Regeln, um Bewilligungen zu erhalten, seien klar und hätten sich nicht verändert. Nicht ausschliessen kann Lüchinger, dass wegen des erhöhten Nutzungsdrucks auf den Wald der Goodwill für Orientierungsläufe sinkt und mehr Widerstand aufkommt als früher.

Sportart ohne Lobby

Dass die Wälder immer intensiver für Erholung und Freizeitaktivitäten genutzt werden, was Tiere und Pflanzen unter Druck setzt, ist den OL-Läufern klar. Trotzdem fühlen sie sich betrogen, weil sie die Natur an ihren Anlässen bereits vorbildlich schonen, wie selbst Förster und Naturschützer anerkennen. Seit Jahren sprechen OL-Läufer ihre Anlässe mit den Behörden ab und akzeptieren Sperrzonen für sensible Gebiete. «Unser Problem ist sozusagen, dass wir organisiert sind und unsere Anlässe von langer Hand vorbereiten müssen», sagt Marc Eyer, bei Swiss Orienteering für Bewilligungsprobleme zuständig. «Damit können uns die Behörden eher Steine in den Weg legen als unorganisierten Bikern, spontanen Pfadi-Veranstaltungen und sonstigen Anlässen im Wald.» Richten Kantone und Gemeinden Schutzzonen in ihren Wäldern ein, sei das zwar selten gegen den OL-Sport gerichtet, meint Eyer. «Doch unsere Sportart hat keine Lobby, und ihre Bedeutung als Wirtschaftsfaktor wird meist nicht erkannt.» Darum kümmere es Behörden kaum, wenn OL-Anlässe verhindert würden.

Bei den Schutzmassnahmen im Wald handle es sich häufig um reine «Symbolhandlungen», sagt Ruedi Lais. Wildruhezonen in stadtnahen Wäldern etwa machten kaum Sinn. Aber Naturschutz sei populär, die Behörden könnten sich damit profilieren. «Die Bedeutung des OL-Sports hingegen wird nicht erkannt», sagt Lais. Er muss es wissen – ist er doch nicht nur OL-Läufer, sondern auch Vorstandsmitglied im Umweltschutzverband Pro Natura Zürich.

Alex Reichmuth, Weltwoche 34/11

Tiere und Pflanzen unter Druck: 17-fache OL-Weltmeisterin Niggli-Luder.<small>Foto: Sören Andersson (EQ Images)</small>